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Voll irre

  • Autorenbild: Barbara Krenn
    Barbara Krenn
  • 3. Feb. 2025
  • 5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 19. Aug. 2025


Rubens: »Sah ich richtig, Jonas? Kein Fleisch?«

Jonas: »Du bist, was du isst.«

Rubens: »Vegetarier?«

Jonas: »Nein.«

Rubens: »Veganer?«

Jonas: »Nein!«

Rubens: »Was denn?«

Jonas: »Kein Flexi, kein Lacto, kein Ovo … auch kein archivierter Jünger von Pythagoras. Warum

muss diese Schubladengesellschaft jede Überzeugung einer Gesinnung zuordnen? Würde ich mich

als Veggie-Apostel katalogisieren … mit meinem Hang zur Konsequenz … zwänge mich mein

ethisches Empfinden im selben Atemzug, diesem Staat meine Steuern zu verwehren.«

Rubens: »Prinzipien mit Neigung zum Fanatismus …?«

Jonas: »Fragt sich stets, welcher Sache es dient.«

Rubens: »Schon klar Jonas, du stößt dich an der staatlichen Subventionierung der Fleischindustrie.

Starke Lobby. Tierchen haben gar keine … außer ein paar zahnlose, spendenabhängige

Schutzverbände. Ja … da bin ich ganz bei dir. In der Tat ein Frevel. Ein Kilo Faschiertes günstiger

als ein Kilo Paradeiser.«

Jonas: »Danke, Rubens. Grad hast duʼs bestätigt. Wir bewerten. Ständig. Müssen wir auch …

groteskerweise assoziieren viele mit Wert bloß Geld. Welche Assoziationen kommen uns beim

Begriff: Wert-Schöpfung? Machen wir nun Paradeiser günstiger oder Fleisch teurer? Was wäre die

absurdere Lösung?«

Rubens: »Nun gut … jede Revolution hatte wie ein Vulkan irgendwann ihren Ausbruch und

deeskaliert mit Fortschreiten durch Kompromisse … oder Abkühlung. Jetzt ehrlich? Schmeckt dir

Fleisch denn nicht?«

Jonas: »Weißt du, Rubens … es zu essen würde mich nicht stören. Uns schmeckt jedoch die

Raffinesse der Köche. Deren Würzung. Aber Fleisch!?«

Rubens: »Stimmt. Das Zeug kann solo gar nichts.«

Jonas: »Mein Ekel überlagert den Geschmack. Resultiert aus dem unbarmherzigen Umgang mit

Tieren. Du sagst es: Sachen haben keine Lobby! Gott heiligt des Österreichers Wiener Schnitzel

unter Ausschluss der Quelle. Hat auf Importware erst recht keinen Einfluss.«

Rubens: »Tiere töten und fressen sich auch gegenseitig. Die freie Wildbahn ist nicht zimperlich.«

Jonas: »Erkenne da weder Lust noch Profitsucht. Und nichts davon landet im Restmüll.«

Rubens: »Gutes Argument.«

Jonas: »Eins von unzähligen. Überzüchtung, Haltung, Lebendtransporte, automatisiertes Morden …

nur ein paar der Perversionen. Dafür Messer und Gabel wegzulegen ist schon ein kleiner Schritt der

Verhinderung. Meines Wissens erbeuten die Jäger der Tierwelt in der Regel die Schwächsten.

Natürliche Auslese. Der schöpferische Plan nicht so dumm. Zur Dummheit neigen nur Menschen.

Haben wir das Recht, unsere Gräueltaten anhand von Vergleichen aus der Fauna schönzufärben?«

Rubens: »Da stimme ich dir zu, Jonas. Verstand beileibe noch keine Tugend.«

Jonas: »Dumm ist, Tieren Gefühle abzuerkennen. Das Gegenteil ist bewiesen. Tiere reagieren bei

ihrer Ermordung mit Stress. Den samt zusätzlich verabreichten Hormonen und Pharmazeutika

ziehen sich Fleischfresser letztlich in ihre Leiber. Ein toxischer Cocktail. Der Begriff Lebensmittel

dann schon auf einen Rollator angewiesen ist.«

Rubens: »Fürwahr … wundert mich auch, was die Irren so freiwillig alles in sich hineinstopfen.

Mich hat dieser Plakatsalat bei den Kassen genervt. Rückholaktionen! Kontrolle und Achtsamkeit

suggerieren sollen.«

Jonas: »Für mich zeugen sie von Schlampigkeit. Das Profischlachten ist bei mir sowieso nicht

angelegt. Ich übersiedle sogar Spinnen ins Freie. Wo ihre faszinierenden Netze weniger Störfaktor

sind als in einem Zimmer. Ich kann kein gesundes Tier töten. Nicht mit Vorsatz. Mein Gewissen

plagt mich schon bei dem, was als Milch angepriesen wird.«

Rubens: »… du Kälbern ihr Futter wegsäufst?«

Jonas: »Blödsinn! Beim Milchklau reagieren Kühe von Natur aus wie alle mütterlichen Wesen.

Erhöhen ihre Produktivität. Gebraucht. Gefördert. Funktioniert ja auch bei Frauen.«

Rubens: »Kenn ich, Jonas. Sogenannte Lohn-Ammen. Aber derlei schreit niemand laut durch die

Medien. Würde den Babynahrungskonzernen nicht schmecken. Also doch Milch?«

Jonas: »Euter sind geschaffen für Kälber. Hände einer Bäuerin oder Magd lass ich noch gelten. Der

Beruf Melkerin oder Melker würde einige Pendler weniger in die Städte zwingen. Den

Energieverbrauch wie das AMS-Budget entlasten. Automatisierte Melkerei halte ich für eine

Misshandlung. Ja, diese Brutalität kratzt mich beim Kauf von Käse oder anderen Milchprodukten.

Keines der unzähligen Gütesiegel hat mit Güte zu tun. Ich harre der Auszeichnung: von Hand

gemolken.«

Rubens: »Bei Kleinbauern mag es noch traditionell hergehen. Bei den Zulieferern der

Großmolkereien fährt der Zug im Vollmilchrausch Richtung Gewinne.«

Jonas: »Bald wird niemand mehr wissen, wie es geht. Ich sage nur: Stromausfall … arme Kühe.«

Rubens: »Auf Youtube wird es dann schon Anleitungen geben.«

Jonas: »Da braucht es auch Strom! Tja, anständige Alternativen zum Fleischkonsum sind rar.

Wenigstens ist ein behirnter Umgang mit Lebensmitteln – sie im Sinne des Wortes ja sein sollten –

eine Basis, im Alter schlank und gesund zu bleiben.«

Rubens: »Füllstoffe dagegen leisten einen abnormen Dienst. Dies nicht erst im Alter. Man beachte

die Leiber und Plagen der Jugend, Jonas!«

Jonas: »Nur mal theoretisch … ich spiele bloß mit Gedanken: Ein Rindvieh lebt zwanzig Jahre.

Manche länger. Begnügt sich mit Wasser, im Sommer mit Gräsern, im Winter mit Heu.

Nachwachsend. Hält ein Bauer zwanzig, fällt durchschnittlich jedes Jahr eins tot um … quasi.

Euthanasie wie bei anderen Haustieren oder Menschen wäre eine Option. Wenn nämlich das

verstorbene Tier nicht rechtzeitig ausblutet, kippt da irgendwas … veterinärmäßig exakter habe

ichʼs nicht auf der Platte. Schönes Leben. Schöner Tod. Etliche Hundert Kilo Fleisch. Essen,

tauschen, verkaufen. Schweine schaffen so an die zehn Jahre. Schafe … weiß nicht. Hühner hätte

man schon nach weniger Jahren im Rohr. Das Fleisch, nicht so köstlich zart wie bei Kälbchen,

Ferkelchen, Lämmchen, Junghenderl … aber: ehrlich. Das Zeug bei der Zubereitung länger

benötigt, bis es gar ist … na wenn schon. Wir sitzen längst nicht mehr frierend und ausgehungert

vorm Lagerfeuer. Nutzen Top-Küchengeräte. Klingt praktisch ziemlich verrückt, was?«

Rubens: »Für den Großteil unserer Artgenossen ganz bestimmt. Nun … deshalb bist du ja hier.«

Jonas: »Schau, Rubens. Ich missbillige die Industrialisierung von Lebewesen. Nicht den Verzehr.

Unser Organismus ist von Natur auf Allesesser getrimmt. Mein Geist allerdings nicht mehr. Unter

den gegenwärtigen Umständen. Unsere Vorfahren lebten mit der Natur. Fall’ im Wald tot um! Du

bleibst nicht auf ewig dort liegen.«

Rubens: »Ungern … bevorzuge ein Bett.«

Jonas: »War auch metaphorisch.«

Rubens: »Tja, mein Lieber. Nüchtern gesehen: Natur existiert bald nur mehr in irrwitzigen

Werbeslogans. Wieʼs aussieht, liefert die Schöpfung kein Update mehr. Program deleted. Wer

differenziert da draußen noch zwischen real und irreal? Recht und Unrecht. Wirklich und

unwirklich. Die Altvorderen tun sich schwer. Das Jungvolk lebt mehrheitlich in einer digitalisierten,

virtuellen Welt. Fressen im Vorbeigehen, was ihnen leicht und schnell in die Hände fällt.

Hauptsache: lecker! Dank Geschmacksverstärkern. Sie tun mir leid. Von Algorithmen

heruntergerechnet auf Konsument und User. Verloren der Bezug zur Natur. Den industriellen

Revolutionen – eine folgt der anderen in einem irren Tempo – ist das Fußvolk schwerlich

gewachsen. Die Matrix diktieren die Herrschenden – und das sind nicht amtierende Politiker. Macht

und Missbrauch sind so schwer zu trennen wie siamesische Zwillinge.«

Jonas: »Sorry, Rubens, jetzt klingst auch du verrückt. Aber richtig. Das Gros der Menschheit ist

durchgeknallt. Die Dekadenz fraß und frisst sich in ihrer epidemischen Ausbreitung von der oberen

in die Mittelschicht. Die Dynamik erinnert mich fatal an den Zauberlehrling. Goethe war wie Kant

ein Vordenker. Jetzt, bar der Erkenntnisse der Naturforschung, hätten wir das Wissen … trainiert

werden die Menschenkinder jedoch beharrlich auf Ignoranz.«

Rubens: »Also, wer hat jetzt einen Schuss?«

Jonas: »Erzähl mir etwas, das ich nicht weiß.«

Rubens: »Immerhin, Jonas, wir wenigen sind recht viele! So zehn Prozent, wird behauptet. Ob aus

ethischen, gesundheitlichen oder sonstig irrational gesteuerten Gründen … Fakt: Wir müssen raus

aus dieser Sauwirtschaft.«

Jonas: »Wir?«

Rubens: »Äh, habʼ ich das nicht erwähnt? Allein die widerwärtige Bezeichnung Mastschwein hat

mir bereits vor vielen Jahren den Appetit auf Leichenteile vergällt.«


Die Beleuchtung des Aufenthaltsraums wird auf Nachtmodus gedimmt. Der Spätdienst in Person

ermahnt: »Na, die Herren Philosophen. Haben wir uns wieder verplaudert? Jetzt aber flott in die

Zimmer und gute Nacht … vergesst Zähne und Tabletten nicht.«

Rubens und Jonas schauen einander verschwörerisch an. Nehmen. Aber schlucken?!

Rubens: »Fütterst du damit die Kanalratten?«

Jonas: »Geh, wo?! Ich schmuggle sie raus. Zum Verhökern auf dem Karlsplatz. Und du?«

Rubens schaut ungläubig: »Apotheke.«

Jonas: »War ein Scherz. Ich vergiftʼ die einen und die anderen Ratten nicht.«

Rubens zum Betreuer: »Gehʼn Sʼ, junger Mann. Eine Bitte. Lässt es sich verwirklichen, der werte

Kollege Jonas und ich morgen … und fortan … im Speisesaal am selben Tisch sitzen könnten?«

 
 
 

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Siegfried Schwartz

Unperson des öffentlichen Lebens

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ohne Förderungen aus "öffentlicher Hand".

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© 2025 Siegfried Schwartz. Bilder Privat/uMayArtwork/Pixabay

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