kontrolliert verwahrlost
Jonas: »Gestern Abend … war echt zum Gähnen. Solo mit Verrückten.«
Rubens: »Tut mir leid, alter Freund. Ich war aus.«
Jonas: »Dachte ich mir … warst auch nicht in deinem Zimmer aufzufinden … «
Rubens: »Auffinden!? … danke für deiner Fürsorge.«
Jonas: »Aus … mit ihr?«
Rubens: »Ja. Konnte ich dir beim Mittagstisch noch nicht sagen. Hat sich nachmittags spontan ergeben.«
Jonas: »Bist mir ja keine Rechenschaft schuldig … wie war’s?«
Rubens: »Ich auch nicht, oder? Ich weiß, was du hören willst, Jonas.«
Jonas: »Tja! An Fantasien und lückenhaften Erinnerungen krall’ ich mich bis ins Krematorium.«
Rubens: »Ich, diskret, an manch Erlebnissen! Gentleman . … du weißt. Du hast doch eine Verehrerin hier, oder?«
Jonas: »Nina!? Ich lass mich doch nicht mit einer Irren ein!«
Rubens: »Wenn dir das dein Lebtag gelungen ist, Jonas!? Gratuliere. Und dein Abend?«
Jonas: »Hab mich unters illustre Volk gemischt. Mal wieder Flimmerkiste zur Abwechslung.«
Rubens: »Was gab’s?«
Jonas: »Ich fühlte mich beobachtet.«
Rubens lacht: »Ja, wir haben hier so einige Kandidaten, denen die Fernsehenden interessanter erscheinen als der Fernseher.«
Jonas: »Nicht die Narren!«
Rubens: »Doch nicht unsere Betreuer?«
Jonas: »Nein, ich mein die Glotze.«
Rubens: »Die Glotze?«
Jonas: »Die Glotze glotzt!«
Rubens: »Ach, diese Geschichte …«
Jonas: »… warum sollte ausgerechnet in unserem Flat keine Kamera integriert sein?«
Rubens: »Na, hätte sie wer ausgebaut, wäre die Herstellergarantie fix ex.«
Jonas: »Ich weiß … in der Außenwelt sind Abertausende Kameras installiert, um das unartige Völkchen zu überwachen. Auf Straßen, vor und in Geschäften, in Autos. Die neue Generation Smartphone ist sogar beidseitig bestückt. Gar nicht zu reden von den Radarfallen. Wer sowas erfunden hat, kann kein gutes Karma haben. Aber hier … hier drinnen bei uns? Stell dir vor …! Letzte Woche sah ich eine Drohne übers Anstaltsgelände fliegen. Die sind doch auch mit Kamera! Leider war ich ohne Gewehr.«
Rubens: »Drohnen kann sich heute jede Rotznase im Supermarkt oder online kaufen. Die mächtigsten Rotznasen schauen mit über 6.700 Satelliten ständig vom Himmel auf uns herab.«
Jonas: »Wieso erinnert mich das ad hoc an diverse Bibelsprüche?«
Rubens: »Spionieren. Navigieren. Kontrollieren. Privatsphäre war mal. Schräg, was da draußen abgeht …ja, Wahnsinn! Und ist, seit wir hier sind, kaum sinnvoller geworden. Die Kontrollwut der Menschen-Dompteure hat das Maß an Sittenlosigkeit gesprengt.«
Jonas: »Bloß um deren schamlose Interessen zu sichern. Zuerst vernagelt man den Leuten ihren Zugang zum eigenständigen Denken. Kontaminiert folglich die Bildung einer eigenen Meinung. Jetzt beraubt man sie ihrer Privatsphäre … ich sag gar nicht mehr: Beschränkung … Nein: Verlust. Wo ist man heut noch ungestört, Rubens?«
Rubens: »Nirgends. Versteck dich im Dschungel. Im Nu hockst du auf einer vergifteten Sojaplantage oder unter Ölpalmen zwischen erschossenen Orang-Utans. Oder inmitten gemarterter Exportrinder auf einer südamerikanischen Ranch … hab ich schon immer als Perversion empfunden. Man muss kein europäischer Vegetarier sein, um dieser entarteten Unzucht den Stinkefinger zu stecken!«
Jonas: »Der Finger als Geste ist als Widerstand zu schwach. Selbst bei bewusstem Verzicht der Konsumenten landet das Fleischheimlich im Hundefutter oder in anderen Fertiggerichten der Fressindustrie. Ich traue niemandem, der mit Tierleid Umsätze macht.«
Rubens: »Gier regiert!«
Jonas: »Privat ist nicht bloß das Gegenteil … sondern Opfer von öffentlich. Die Datenschutzverordnung betitelt sich als Schutz der Privatsphäre. Erreicht mich zynisch. Ist wie Wasser zur Donau schleppen. Die breite Masse ist dank unbedarfter Kommunikationswut von der KI längst bis zur geistigen Nacktheit entblößt. Transparenzfehlt dort, wo der Gedanke der Vernunft sie bitter nötig hätte. Ein objektiver Blick auf die herrschenden Machenschaften zeigt: Da kocht ein toxisches Süppchen namens Neue Weltordnung in abgeschirmten privaten Küchen.«
Rubens: »Schaut ganz danach aus … wer dazu eine Meinung hat … sie womöglich äußert, bekommt Stress … oder sonstige garstige Maulkorb-Applikationen.«
Jonas: »Gewiss … Meinungsfreiheit habe ich für mich schon lange sinngemäß umgedreht. Besser Freiheit von Meinungen. Was denkst du, Rubens? Sind die bewussten Menschen mehr, als der Bewusstseinsmanipulationsindustrie bewusst ist?«
Rubens: »Deine rhetorischen Stilblüten in Ehren, Jonas. Die wenigen dürften tatsächlich einige viele sein. Denn warum verfolgt das Establishment kontinuierlich die Spur der Spaltung und Verhetzung von Völkern bis hinein in die Familien? Ganz klar: um die Spurlosen zu sichten. Erinnert mich fatal an Corona. Ein deprimierendes Paradebeispiel der Inszenierung von Konflikten im intimsten persönlichen Umfeld. Verbreite Panik! Und Bevormundung, Unterdrückung und Abzocke der Gesellschaft laufen wie geschmiert.«
Jonas: »Der staatliche Terror ging ja bis hinein in die Schulen.«
Rubens: »Ich halte es für ein Kuriosum, Menschen bereits im Kindsalter systemisch zu Untugenden zu erziehen, um sie dann zeit ihres Lebens dafür zu bestrafen. Deren Kontrolle rechtfertigt. Letztlich auch eine Form der Unterwerfung.«
Jonas: »Das Paradoxe: Sie kommen artig für alles selbst auf. Bezahlen das Überwachungssystem, die Eintreiber … die Bußen sowieso.«
Rubens: »Hat du in deiner Schulzeit nie geschummelt, Jonas?«
Jonas: »Selten. Zu blöd. Sagten die anderen. Lernen oder schlechte Noten zu akzeptieren erschien mir anständiger. Ich war damals schon extrem. Sehr interessiert oder desinteressiert. Meine 60er-Eltern waren da ziemlich aufgelockert. Vielleicht sogar stolz, ich mit Schillers Glocke und Bob Dylan Texten meine Synapsen trainierte. Für Termine von Schlachten, Kriegen oder Zehn Gebote in meinem Hirn keine Halterung angelegt war.«
Rubens: »Drum prüfe, wer sich ewig bindet, ob sich das Herz zum Herzen findet, der Wahn ist kurz, die Reu’ ist lang.«
Jonas: »Ich sag dir: Wär ich ein paar Jahre jünger … noch draußen in der sozialen Verwahrlosung… würde ich einen Verein ins Leben rufen.Die Gruppe der anonymen Empathiker. Für Menschen mit noch intaktem Einfühlungsvermögen und Empfindungen. Die sich dem allgemeinen Stream der Desozialisierung widersetzen. Beschützt wird heutzutage vieles … Eigentum, Rechte, Arten, Klima… am ehesten noch die Displays der Mobile Devices …aber unsere Kinder? Unsere Werte? Die Moral? Die wichtigsten Säulen einer funktionierenden Gesellschaft sind das Schützen niemandem wert.«
Rubens: »Schutz gilt in der aktuellen Rhetorik als unverbindliches Bekenntnis. Da sehe ich für Werte und Moral wenige Chancen. Würde genauso mit politischen Phrasen gedroschen, Lippenbekenntnissen und Sondersteuern belegt. Zwischenmenschliches Verhalten wird über kurz oder lang von Algorithmen reguliert. Der Nachwuchs lernt durch Reflektion seiner Umwelt. Verschwindet aufrichtige Liebe. Verklärt sich emphatisches Empfinden. Misstrauen die Kids ihrem angeborenen Instinkt. Dann finden sie keinen Halt in diesem gefühlsverrohten Umfeld. Was bleibt ihnen übrig?«
Jonas: »Orientierungslosigkeit ist das Privileg der Jugend. Immer schon. Sokrates soll gesagt haben: ›Die Jugend achtet die Werte nicht, ist unhöflich und faul.‹ Der trank sich 399 vor bekannter Zeitrechnung zu Tode. Benannte er ein Dogma der Menschheitsgeschichte?«
Rubens: »Vermutlich. Tendenziell jedoch steigend durch digitale Abstumpfung. Die Eltern kennen die Sorgen ihrer Kinder nicht mehr. Die Sorgen der Eltern interessieren naturgemäß Kinder nicht. Die Altvordern haben ausgedient. Prägung und Erziehung der folgenden Generationen übernimmt die längst etablierte KI …ja, Freund Jonas, ich behaupte, der Prozess ist bereits am Laufen … und bin heilfroh, mich der artenwidrige Unfug nicht mehr tangieren muss. Mit überschaubaren Lebensjahren und gebührendem Abstand zu dieser bedauernswerten Außenwelt. Was lief gestern?«
Jonas: »The Lost World. Zum x-ten Mal. Du weißt, das Filmangebot ist hier recht abgespeckt.«
Rubens: »Mit wären unsere– von einer wahnsinnigen Gesellschaft ausgegrenzten – Irren überfordert. Den Film bekam ich gestern als DVD. Wollen wir uns den morgen Abend bei mir im Zimmer anschauen?«
Jonas: »Gerne, Rubens. Der Titel sagt mir was … mit DiCaprio? … vielleicht … weiß nicht … gute Filme schaue ich mir gerne wiederholt an.«
Rubens: Schon faszinierend, die Dinosaurier 170 Millionen Jahre die Erde bevölkert haben. Die entwickelten offenbar kein perfides Schulsystem. Erzogen Dinokinder nicht zur Unanständigkeit. Sie dann zeit ihres Lebens überwacht. Für ihre Untugenden strafend auf den Schwanz tritt.«
Jonas: »Wäre der Meteorit nicht mit Mutter Erde kollidiert, hätten die gefräßigen Saurier unseren Planeten vermutlich vor der Menschheit bewahrt. Ist es nicht traurig? Wie schnell sich die selbsternannte Krone der Schöpfung kaputtindustrialisiert hat? Opfer ihres Verstandes?!«
Rubens: »Jonas, mein Lieber, ich fürchte, auch hier werden in Bälde Roboter ihren Job tun … teils schon jetzt. Sie werden uns ... nein, die nach uns … ich bete … wie die Viecher chippen, vernetzen und Medikamente intravenös im Schlaf verabreichen, wenn die KI unsere bis dato noch heimliche Verweigerung abschmiert. Apropos … ich glaube wir werden von menschlich beobachtet.«
Die Nachtaufsicht, heute in weiblicher Person, sieht … hört? … den beiden mit gebührendem Abstand seit geraumer Zeit zu.
Marianne: »Darf ich den Herrn Philosophen vielleicht noch einen Cocktail als Schlaftrunk kredenzen?«
Rubens: »Das wäre wirklich reizend, Marianne. Vorausgesetzt, Sie servieren uns diese nicht in den üblichen Schierlings-Tablettenboxen. Wir trollen uns freiwillig.«
Marianne: »Euch zuzuhören zwingt zur Schwangerschaftsverhütung.«
Rubens: »Sie haben keine Kinder?«
Marianne: »Die Population muss runter. Ich trage dazu bei ... ich mach’ jetzt noch eine Rauchpause auf der Terrasse, und dann ist hier dicht … also bitte zeitnah in die Zimmer, ihr beiden.«
Jonas: »Eben machten Sie noch Anstalten, uns zu verführen … jetzt schicken Sie uns wie unartige Knaben allein ins Bett …?!«
Rubens: »Jonas!!!Bitte! Die sperren mir meinen Ausgang, wenn dich das so aufstachelt!«
Marianne zeigt Humor. Sie weiß, wo sie steht. »Zehn Minuten, bitte!«
Jonas verschmitzt zu Rubens: »Vernünftiger Fußabdruck, die Frau. Kinderlos und laut Gesundheitsstatistik berechenbares Kurzzeit-Erdlingswesen.«
© 2024 Siegfried Schwartz
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