Planet to go
Jonas: »Warst du mal oben, Rubens?«
Rubens: »3.798 Meter?!Bist du irre?«
Jonas: »Die Aussicht bestimmt.«
Rubens: »Hast du ihn denn bestiegen?«
Jonas: »Den Großglockner … negativ. Die Hohen Tauern für mich jungfräulich. Bis dato bewahrte mich die marginale Anziehungskraft touristischer Hotspots. Außerdem leid’ ich unter Höhenangst.«
Rubens: »Oh! Den Koller kenn ich. Da schaut man am besten immer nach oben.«
Jonas: »Und wenn du oben bist?«
Rubens: »Es gibt immer etwas Höheres, an dem man sich orientieren kann.«
Jonas: »Klar. Satelliten.«
Rubens: »Ergreifend, was die für uns auf die Beine gestellt haben.«
Jonas: »Ja, bombastisch, hier bautechnisch in den Felsen betoniert wurde. Vom Kaiser gestattet,1905samt dessen mannshohem Steinbildnis errichtet, beim Adi in den Dreißigern fürs Tausendjährige aufgestockt, 1997 abgebrannt, wieder aufgebaut … wenigstens gab’s da schon zwei asphaltierte Baustellenzufahrten von Salzburg und Kärnten …«
Rubens: »… ich meinte den Eifer unserer Reise-Organisatoren, Herr g’scheit!«
Jonas: »Stand alles mehrsprachig auf der Infotafel. Am Abend weiß ich’s eh nimmer … ja, mutig, mit einem Haufen wie uns … die busfüllende Aufregung der Herfahrt erinnerte mich an Kubricks ›Einer flog über das Kuckucksnest‹.«
Rubens: »Ich stieg heute Morgen nur unter der Bedingung in den Bus, sie uns keinesfalls nach Heiligenblut verschleppen. Allein wie der Name schwingt!?Was ist? Fahren wir runter zum Gletscher?«
Jonas: »Hat’s dich? Siehst du den touristischen Almauftrieb vor der Bahn? Da krieg ich Schlangenphobie.«
Rubens: »Pasterze … letzte Chance, Jonas.«
Jonas: »Ich glaub’, wir beide sind vorher fällig.«
Rubens: »Tja … ein langes Leben ist auch erfüllt von Versäumnissen. So ein Bergrennen über die Großglockner Hochalpenstraße … das hätte mich angeturnt.«
Jonas: »Selber …?«
Rubens: »Klar, am Lenkrad. Ich besaß mal einen Oldtimer …«
Jonas: »… nun bist du einer. Apropos. Lass uns ein paar Schritte machen, Rubens. Die lange Fahrt hängt mir am Kreuz.«
Rubens: »Ja, verschwinden wir. Abstand von den Narren. Und krieg’ den Gestank aus dem Gletscherrestaurant aus der Nase. Warum erreicht mich der ausgerechnet hier so anormal?«
Jonas: »Ich verdrieße an den Gesprächen der Leut’ hier. Bin noch nicht taub genug. Jeder Zweite, dessen Sprache ich verstehe, mokiert sich über die minimalistische Eisportion.«
Rubens: »Ist laut Messungen Tatbestand. Keine Mogelpackung. Die Pasterze – immerhin größter Alpengletscher – kontinuierlich einen auf Rückzug macht. Sowas bewegt die Menschen.«
Jonas: »Wissen diese Bewegten auch, das slowenische Wort Pasterze zu Deutsch Weide heißt? Das Eis hier seit ewigen Zeiten kommt und geht? Wie im Gefrierfach, bei regelmäßigen Blackouts? Erst vor Jahren wurde ein acht Meter langer, tonnenschwerer Zirbenstamm aus dem Gletschereis geborgen. 300 Jahre alt. Geschätzter Ursprung 3.000 bis 7.000 Jahre. Also Weide und Wald!«
Rubens: »Ist an mir vorübergezogen.«
Jonas: »Die Zirbe weniger prominent als der Ötzi.«
Rubens: »Es wird noch einiges verschwinden, anderes dagegen auftauchen. Diese aktuell noch vereiste, auf rund acht Kilometer ausgedehnte Weide bleibt wohl unangefochten die Nummer eins. Sämtliche Alpengletscher sich der bösen Erderwärmung fügen müssen. Bis zur nächsten Eiszeit in kristallklare Bergseen verwandeln.«
Jonas: »Ja, da dürfen sie der Gletscherbahn noch ein paar Stationen nach unten dranhängen. Die Naturlustigen ihren Bewegungsapparat nicht überstrapazieren.«
Rubens: »Oder versetzen die Kaiser-Franz-Josefs-Hütte eine paar Kilometer talwärts. Mit Strandbad.«
Jonas: »Naheliegender … da, schon wieder …!Hast du die beiden grad gehört?«
Rubens: »Na! Muss ich denn alles hören? Je weniger, desto weniger regt mich auf. Altersbedingte Schwerhörigkeit begünstigt die Gelassenheit, wenngleich Hörakustik-Vertreiber Gegenteiliges promoten. Jonas … ich rate dir, nimm Ohropax, wenn du dich unters Volk mischt.«
Jonas: »Irre! Die beiden Klima-Experten in ihren Plastik-Sneakers behaupteten allen Ernstes, das Schmelzen der Pasterze resultiert aus der Verbrennung fossiler Brennstoffe. Wenn sie wenigstens schuldbewusste Gesichter machen würden. Vermutlich bezahlen sie gewissensbefreiend ihre CO2-Steuer, urassen aber unberührt weiter. Fakt, wir haben zwei Arten von Klimawandel. Den natürlichen und den kommerziellen.«
Rubens: »Der Klimawandel in doppelter Ausfertigung … hm … klingt holprig, Jonas … erklär’, bitte.«
Jonas: »Die ganze Klimadebatte ist für mich ein Widerspruch. Für alles, was mit dem Schlagwort Klimaschutzetikettiert wird, präsentieren die Weltherrscher über ihre gedungenen nationalen Organe dem Volk eine Rechnung. Gleichzeitig manipulieren sie das Wetter, roden, beuten und verprassen irdische Ressourcen unaufhaltsam weiter.«
Rubens: »Das Volk in seiner Breite daran nicht unbeteiligt.«
Jonas: »Das Volk wird bewusst zur Verschwendung angehalten. Es nun mal die Maßlosigkeit in Masse braucht, damit die wenigen Kohle in Massen scheffeln.«
Rubens: »Das Zitat solltest du dir notieren.«
Jonas: »Fürchte, das krieg ich so nicht nochmals hin. Lass’ uns bitte setzen.«
Rubens: »Strengt dich das Gehen an, Jonas?«
Jonas: »Nein, bloß die Thematik. Heute weiß jedes Kind, Planet Erde wechselt – vermutlich seit Entstehung vor viereinhalb Milliarden Jahren – zwischen Warm- und Kaltperioden. Siehe Pasterze vor unserer Nase. Planet ist Kosmos, und Kosmos funktioniert nach seinen eigenen Regeln. Hat der Meteorit im Golf von Mexiko die Dinos um Landeerlaubnis gebeten? Es gibt Naturkatastrophen. Der egozentrische Verstand des Homo sapiens ist eine davon. Wer glaubt, die Erde beauftragt ein Institut für Meinungsforschung – ›Na, wie hätten es die werten Bewohner denn gerne … was könnt’s euch denn leisten?‹ –, glaubt wahrscheinlich auch an die Verschwörung der Affen: ›Du Spezi. Ich gründ’ jetzt eine neue Art. Der Darwin in Zukunft was zu erforschen hat. Ich werd’ Mensch. Du bleibst Aff’.‹«
Rubens: »Jonas? Ist dein Flachmann schon leer?«
Jonas: »Na und? Hast du deinen vergessen?«
Rubens: »Ich versteh’ eh, was du meinst. Dein Kritikpunkt: Die Mächtigen haben daraus ein lukratives Geschäftsmodell entwickelt. Nötigen das Volk, für ihre eigenen Sünden zu blechen.«
Jonas: »Ist es denn anders? Die Klimaschutz AG beraubt Mutter Erde in einem nie dagewesenen Ausmaß, als hätte sie ein Dauer-Abo bei planets to go. Geo-Engineering, Artenausrottung, Kontaminierung von Boden und Luft, Atomwaffentests, Dschungelrodungen… gigantische Umweltschäden! Inwieweit dies tatsächlich auf die Erderwärmung Einfluss nimmt … sie beschleunigt, weiß ich nicht … weißt du nicht … und wissen wahrscheinlich die nicht, die es behaupten.«
Rubens: »Scheint, wir hätten auf die natürliche klimatische Veränderung so wenig Einfluss wie auf die Machenschaften der herrschenden Elite. Die sind im Leo.«
Jonas: »Letztlich wird uns sowieso … also uns hoff’ ich nicht mehr … die Gesamtkostenabrechnung für unseren XXL-Fußabdruck ohne Einspruchsrecht und Zahlungsaufschub zugestellt. Klimaschutz-Verarsche hin oder her. Die einen können sich auf die Straße oder sonst wohin picken, während andere davon unbeeindruckt ihren irdischen Beutezug vorantreiben.
Rubens: »Ich glaube, Kant erkannte: … das Volk will betrogen sein… und war weder der Erste … noch der Letzte. Der systemgesteuerte Mob nagelt Propheten ans Kreuz, aber bejubelt seine Peiniger.«
Jonas: »Naturkatastrophen treffen Arm und Reich, Ausbeuter, Nutznießer, Trittbrettfahrer wie auch jene, die mit der Natur im Einklang leben. Der Unterschied: Die einen werden es als Strafe empfinden. Die andern sehen es als Fügung.«
Rubens: »Ein eklatanter Unterschied. Dagegen: Zwei, drei oder mehr Grad sind kein Weltuntergang. Das gab es schon … wie oft? Dramatischer finde ich, das Volk wissentlich in Panik zu versetzen. Abgesehen vom moralischen … auch ethisch unsauber. Sogar extrem gefährlich. Denn Klima-Aktivismus kann ausrasten … in Klimakriege münden. Schön wäre, die Menschheit mit der Wahrheit über die naturgegebenen Tatsachen und Konsequenzen aufzuklären. Sie zu besänftigen. Vorzubereiten.
Jonas: »… wäre!? Habgier und Tugendhaftigkeit sind von Natur aus Fressfeinde.«
Rubens: »Tja, mit der Tugend plagen sich die Mächtigen seit Gedenken.«
Jonas: »Und mit ihren Kritikern. Sokrates, Giordano, Luther, Rousseau, Marx, Gandhi … heute können wir nur raten, wer sich im 21. Jahrhundert in dieser Gilde verewigen wird. Mögen das Menschenvolk auch weiterhin Aktivisten, Aufklärer, Propheten … hervorbringen. Vielleicht klappt es irgendwann nachhaltiger.«
Rubens: »Freund Jonas … genieß’ die Landschaft. Die Pasterze wird früher oder später ihrem Namen gerecht werden … sich neu erschaffen. Mag sein, ein Großteil der Menschheit wird verschwinden … die Verbliebenen eine neue Zivilisation erschaffen. Das aktuelle Weltgeschehen ist widerwärtig. Aber ich sag’ dir was: Ich habe beschlossen, mich in den letzten Jahren meines irdischen Daseins nach Möglichkeit nur marginal anwidern zu lassen. Darf heute Abend wieder in die Abgeschlossenheit zurückkehren.«
Der Betreuer – heute in der Funktion des Reisebegleiters – winkt aus der Entfernung. Die Gestik lässt an »Sammeln, Heimfahrt, sputet euch!« denken.
»Na, die Herren Philosophen wieder mal die Letzten. Hoffe, ihr habt euch gut unterhalten.«
Rubens: »Bestens. Gute Luft fördert gute Gespräche. Und vielen Dank für den Verzicht, uns mit bunten Fähnchen, Hütchen oder Führleinen zu versichern. So sind wir kaum aufgefallen.«
Jonas: »Bis auf unsere Sisi, die in der Pipi-Pause deiner Aufsichtspflicht ihren Franzl ein bisserl amourös bespaßt hat. Die post- und like-taugliche Neo-Liaison findest du sicher längst im Netz.«
Betreuer: »Hat sie? Was hat sie? Die Steinstatue vom Kaiser Franz Joseph?«
Jonas: »Nein den echten, du Depp! (Und leise verschmitzt zu Rubens) Ich sag dir: Der Narr hat auch bald ein Insassenzimmer statt einer Gehaltsüberweisung.«
© 2024 Siegfried Schwartz
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